Minimalismus, Wohnen
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Minimalismus – nur eine romantische Vorstellung?

by Thomas Griesbeck / unsplash.com

In unregelmäßigen Abständen schaue ich mir gerne die Dokumentationen in der ARD-Mediathek an. Weil es so schön einfach, senderübergreifend und kostenlos ist. Die ARD bietet auch immer mal wieder Dokus an, die sich direkt oder indirekt mit dem Minimalismus auseinandersetzen. Zuletzt waren vor allem zwei Dokus, die mich besonders nachdenklich zurückgelassen haben:

Beide Dokus zeigen ein alternative Wohnkonzepte auf, die mich im tiefsten Ruhrgebiet ein bisschen wehmütig stimmen. Auch, wenn diese Konzepte immer noch ein Stück von Thoreaus „Walden“ entfernt sind, so wecken sie doch in mit die Sehnsucht nach einem Leben, welches näher an der Natur befindet.

Aber denke ich länger über diese Alternativen nach, so kommen mir schnell Zweifel:

  • Würde ich wirklich in einer kleinen Hütte bzw. in einem Wohnwagen leben wollen?
  • Ohne warmes Wasser? Vielleicht ohne Strom? Oder gar ohne einen Internetzugang?
  • Will ich in meiner „Wohnung“ im Winter Temperaturen um den Gefrierpunkt haben?
  • Möchte ich auch noch den Rest meiner persönlichen Gegenstände loswerden, nur um näher an der Natur zu leben?
  • Und wäre ein Leben auf irgendeinem Campingplatz wirklich näher an der Natur?

Diese Fragen beziehen sich auf rein auf die Wohnsituation, wie sie in diesen Dokus dargestellt wird. Aber es sind eigentlich grundsätzliche Fragen. Fragen die aufkommen, wenn man den Minimalismus nicht nur als eine moderne Art des ausmisten begreift:

  • Wie soll mein Leben wirklich aussehen? Wie würde es aussehen, wenn ich mich von mehr gesellschaftlichen Konventionen lossagen könnte? Und will ich dies überhaupt? Wie würde ich leben wollen, wenn ich in einem anderen Land oder gar Kontinent geboren wäre und dort eine komplett andere Erziehung, mit anderem gesellschaftlichem Einfluss genossen hätte?
  • Machen die Errungenschaften unserer modernen Gesellschaft überhaupt glücklich? Bei der Möglichkeit kalte Räume zu heizen und Wasser zu erwärmen stellt sich für mich diese Frage nicht. Auch Strom ist als Grundausstattung nicht mehr aus unseren Leben wegzudenken. Aber muss ich wirklich immer und überall Zugriff auf das Internet haben? Muss ich monatlich Terabytes an Daten bewegen? Oder wäre ich vielleicht sogar glücklicher, wenn mein Zugang eingeschränkter wäre? Weniger Geld und weniger Konsum?
  • Wie sieht es mit meinem verbliebenen Zeug aus? Möchte ich noch weniger besitzen, nur um einer Wunschvorstellung gerecht zu werden, die mit dem Minimalismus assoziiert werden? Würde mich noch weniger glücklicher machen?
  • Und möchte ich wirklich in einer Hütte im Wald leben, um mich der Natur verbundener zu fühlen? Oder in einer leeren Wohnung?

Viele der Vorstellungen, die mit dem Minimalismus in mein Leben gekommen sind, halten einer Prüfung meiner Wirklichkeit nicht stand. Das mag bei anderen Menschen wieder ganz anders aussehen. Aber wenn ich mal die vielen Wunschvorstellungen ausblende, die ich durch die vielen Blogs, Bilder und Videos eingetrichtert bekomme, dann stelle ich fest, dass ich aktuell fast genauso leben, wie es sich im Moment für mich richtig anfühlt. Und ich denke, dass es genau darum im persönlichen Minimalismus gehen sollte.

Jeder sollte sich selbst Fragen, wie sein einfacheres Leben aussehen soll: Welche Personen und Dinge sind mir im meinem Leben wirklich wichtig? Und welche bekomme ich von außen aufgezwungen? Was kann, was will ich loslassen? Was möchte ich in mein Leben lassen? Was kultivieren und ausbauen?

Sei ehrlich zu dir selbst und habe den Mut, so zu sein, wie du sein möchtest. Lebe dein Leben, wie du es für richtig hältst. Nicht, wie es dir anderen Menschen vorgeben wollen. Minimalismus ist ein ganzer Lebensstil, keine Anzahl von Dingen!

Was sind deine Wünsche, die du durch ein einfacheres Leben erreichen willst? Was treibt dich an? Woher kommen deine Inspirationen und Wünsche? Und was ist für dich zwar ein netter Gedanke, aber in deinem Leben nicht umsetzbar? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

3 Kommentare

  1. ich kenne beide reportagen. das anschauen entspannt mich. möchte aber nicht so leben. wenig aufwand ist mein ziel. mir wäre auch das heizen zu teuer. ich drehe einfach nur die heizung auf. ich lebe lieber in der stadt. naturgefühl hab ich, wenn ich in den himmel schaue. ich würde mich wahrscheinlich langweilen in einer hütte am see. ich kann die leute aber total verstehen. möchte aber nicht frieren oder auf so kleinem raum als familie leben. 25000 zu teuer der bauwagen. dafür kriegt man eine wohnung. die ist haltbarer und die kinder haben auch noch was davon.
    mir gefallen die cube würfel. nur die umsetzung ist schwierig. lg – tanja gerade diesen winter bin ich froh n i c h t zu frieren. war eingeschneit 2 wochen. hab mich such lange mit den alternativen wohnformen auseinandergesetzt. tolles thema.

  2. Bei mir mischt sich bei solchen Filmen immer Bewunderung mit Erstaunen, aber auch die Erfahrungen der Realität. Ich habe noch nie in einem Bauwagen, Tinyhouse oder sonstwas gelebt, weiß aber auch selbst, dass es dauerhaft kaum funktioniert mit mehreren Menschen (als Paar, als Familie) auf so engem Raum zusammen zu leben, wenn man keine persönlichen Rückzugsräume mehr hat. Unterschiedlicher Biorhythmus, einer möchte Ruhe, der Zweite laute Musik. Da gibts viele Kleinigkeiten, die auf Dauer zermürben können. Bei Familien wirds spätestens kritisch, wenn die Kinder in die Pubertät kommen.
    Ich bin mit meiner 35qm-Wohnung bei einer Genossenschaft mehr als zufrieden. Für mich ist der Platz schon sehr großzügig und bei einer Genossenschaft sitzt halt nicht ein einzelner Besitzer/Baulöwe, der möglichst viel Gewinn abschöpfen will. Das ist ganz nebenbei auch sehr angenehm.
    Bei TV-Sendern gibts halt Bilder und Klischees, gerade auch bzgl. Minimalismus. Wäre diese einfach mal des öfteren offen für alle möglichen Entdeckungen und Varianten, würden sie viel mehr unterschiedliche minimalistische Lebensweisen entdecken, die unter’m Strich genauso spannend wären. Vermutlich muss es auch dort schnell, rationell und spektakulär sein. Da bleibt halt manches auf der Strecke. Dann packen wir Deutsche ja ohnehin immer gerne alles in irgendwelche Schubladen. Minimalismus beinhaltet für mich die Freiheit, auf diese Sorte Schubladen als Erstes zu minimalisieren und selbst herauszufinden und zu entscheiden, was für mich passt.

  3. Hey,
    schön mal jemanden von der romantischen Vorstellung der Einfachheit sprechen zu hören. Für mich gibt es sie auch – die Vorstellung und die Realität. Sie überlappen sich für mich immer mehr. Ich wohne in einem Bauwagen auf einem großen Platz mit anderen zusammen. Ich heize mit Holz, was ich liebe. Ich habe es übrigens immer mollig warm. Seit bald 16 Jahren. Kochen tue ich auf einem kleinen alten Herd, meist einfache Gerichte.
    Der nächste Schritt ist für mich das Gefühl Karriere machen zu müssen, zu überwinden (ich habe Informatik studiert). Die Prägung einen guten Job zu haben sitzt tief, sowie das Gefühl produktiv sein zu müssen. Ich möchte mehr eigenes Gemüse ziehen, basteln, schreiben, reisen und nicht mehr so viel Zeit produktiv vor dem Rechner sitzen. Ich bin auf dem Weg.
    Zu den Dokus hat meine Vorrednerin schon einiges gesagt. Leider werden in TV extreme Beispiele gezeigt und diese auch noch sehr kritisch kommentiert. Oft wird bei „Aussteigern“ nach Fehlern und Probleme gesucht. Ich warte noch auf die Doku in der ein Wohnungsbewohner mit einem 9 – 5 Job befragt wird, warum er so lebt und welche Perspektiven er / sie sieht und wieso er einen halben Monat für die Miete arbeitet.
    Wieso finden eigentlich immer mehr Menschen ein einfaches Leben in der Theorie so interessant, schaffen es aber nicht es in der Praxis umzusetzen? Lieben sie nur die Vorstellung davon?

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