Minimalismus, Psychologie
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Warum ich wenig will, aber so viel brauche…

Vor einiger Zeit habe ich ein Bild auf meiner Facebookseite gepostet. Auf diesem war der folgender Spruch zu lesen:

„Das Dilemma eine Minimalisten: Ich will wenig, aber brauche so viel…“

Bisher habe ich festgestellt, dass solche Bilder immer mit einem kleinen, zustimmenden Nicken schnell weitergescrollt werden. Der Spruch löste aber, zu meiner Verwunderung, einige Nachfragen aus. Ob es denn nicht umgekehrt sei?

Brauchen wir nicht eher wenig, aber wollen so vieles?

Natürlich ist das so!

Aber wenn ich mal ehrlich in mich hinein höre, stelle ich auch oft genug fest, dass ich eigentlich gerne viel weniger wollen würde. Wenn ich mir alles frei aussuchen könnte, würde ich vielleicht in einer 25qm großen Einraumwohnung leben. Dann würde ich auch keine Badewanne, sondern nur ein Dusche haben. Eine Küche wäre mir auch ziemlich egal. Ich würde vielleicht gerne autark vom Strom- und Gassystem sein. Viel weniger Strom verbrauchen und diesen selbst herstellen. Lesen im Kerzenschein…

Auch würde ich kein Auto besitzen und alles zu Fuß oder mit dem Rad erledigen. Eine Spielekonsole würde ich wohl auch nicht haben. Geschweige denn einen Fernseher. Ich würde auch keinen Festnetzanschluss besitzen wollen, den ich eh nur für das Internet nutze. Und das braucht man ja auch nur in den wenigsten Fällen wirklich…

Vieles ist im Grunde einfach unnötig!

Ich könne hier jetzt noch eine ganze Weile munter weitere Dinge aufzählen, die ich Nutze und Besitze, welche ich aber im Grunde gar nicht will. Einfach, weil sie oft unnötig sind. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, befriedigen sie vor allem meine Bequemlichkeit, meinen gewohnten Komfort, meine Wünsche, von denen ich mir ein „besseres Leben“ erhoffe, sowie meine Langeweile.

Notwenig sind sie nicht! Ich „brauche“ sie aber auf die ein oder andere Art. Ich habe eine größere Wohnung, wegen meiner Katze. Ich nutze Strom, bzw. die damit verbundenen Geräte, zu einem größten Teil einfach aus Bequemlichkeit, Komfort oder Unterhaltung. Nicht, weil sie nötig wären. Mein Auto nutze ich wirklich fast ausschließlich für längere Strecken. Aber deswegen besitze ich eines. Und ohne meinen Festnetzanschluss wäre dieser Blog, der Minimalismus-Podcast oder meine YouTube-Videos nicht möglich. Dabei sind das nur die produktiven Dingen, die ich mit dem Internet anstelle…

Ich bin Minimalist und kein Aussteiger

Irgendwo brauche ich all diese Dinge, obwohl ich vieles eigentlich so nicht will. Ich bin aber Minimalist und kein Aussteiger! Ich versuche meine Abhängigkeiten (von Ressourcen, von Geld, von Dingen allgemein) so gut es geht zu minimieren. Nicht diese mir vorzuenthalten. Aus welchen Beweggründen auch immer.

Minimalismus heißt für mich ein normales Leben zu führen, welches aber durch die Reduktion auf das Wesentliche einfach ist. Genau das ist für mich auch die Grenze.

Auf Strom zu verzichten, verstehe ich nicht mehr als normal. Es ist ein reizvoller Gedanke, mehr aber auch nicht. So sehr ich auch gerne in der einsamen Waldhütte a la Walden* leben würde, so sehr kommt es auch nicht in Frage. Es ist eine romantische Vorstellung, aber ich „brauche“ so viel mehr.

Leben nach den eigenen Vorstellungen

Manchmal treibt mich es an, zu überprüfen, ob ich diese Dinge wirklich brauche. Manchmal löst es aber auch Unbehagen aus. Vermutlich ist genau das meine Vorgehensweise um herauszufinden, wie mein Leben wirklich aussehen soll. Die Erziehung und die gesellschaftlich vorgelebten Normen zu überprüfen und zu schauen, welche Gefühle in mir ausgelöst werden. Fühlt es sich gut an, ok. Wenn nicht, dann auch ok! Aber ich habe auf mich, meine Gefühle gehört und mir nicht von anderen einreden lassen, wie mein Leben auszusehen hat.

Genau deswegen will ich als Minimalist wenig, aber braucht trotzdem so viel…

Mich würde interessieren, ob es dir im Grunde nicht auch so geht? Willst du manchmal weniger als du hast? Und wie sieht dein Kompromiss aus? Ich freue mich schon auf deinen Kommentar!

9 Kommentare

  1. Beate sagt

    „Ich bin Minimalist und kein Aussteiger“, das trifft die Sache auf den Punkt. Schöner Ansatz und schöne Gedanken, die mich auch hin und wieder umtreiben. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist auch die nötige Kompromissbereitschaft des Partners (sofern vorhanden) Dinge durchzudenken und im besten Fall gemeinsam umzusetzen. Ich denke aber, wenn man die „romantische Vorstellung“ (der autarken Blockhütte auf einer Waldlichtung?) vor Augen hat, lässt sich im täglichen Leben trotzdem vieles vereinfachen. Ziele – in Form von Wunsch-Gedanken – sind ja nicht immer zur Umsetzung da. Danke für Deine Wunsch-Gedanken. 🙂

    • Was die Kompromissbereitschaft angeht: Ich denke, dass meine Partnerin schon meine Vorstellung zu einem gewissen Teil teilen muss. Sonst kann die Partnerschaft ja gar nicht funktionieren. Natürlich macht jeder Kompromisse. Aber wenn die Waldhütte mein absoluter Lebenswunsch wäre, dann würde ich diesen auch erfüllen müssen. Denn nichts stelle ich mir schlimmer vor, als kurz vor der Kiste Dinge bereuen zu müssen. Wobei ich aber kein Aussteiger bin und deswegen ziemlich normale Vorstellungen von einem guten Leben habe.

  2. Matthias sagt

    Hallo Daniel,

    danke, für einen weiteren schönen Blogartikel. 🙂

    ….eines der „großen“ Themen in der heutigen Zeit scheint ja immer wieder zu sein: Wie viel braucht man wirklich zum Leben? Eine Frage, die sich nicht mehr nur die Minimalisten unter uns stellen.
    Im Minimalismus geht es (für mich) darum, wie du es ja auch in einigen Beiträgen schon geschrieben hast, den Mittelweg zu finden zwischen „wollen“, „besitzen“, „brauchen“ und „sein“. Die allgemeine Frage der heutigen Zeit: Was braucht man wirklich um glücklich und zufrieden zu sein? Viel Geld? Einfluss? Die angestrebte Führungsposition? Ein großes Anwesen mit Pool, Park und mit weißem SUV in der Auffahrt?
    Ich hab heute oft den Eindruck (auch wenn ich nur hier bei uns aus dem Fenster auf die Straße sehe – 5 BWM, 3 Mercedes und 1 Fiat…), dass die Menschen immer mehr, egal wo auf der Welt, den „American Way of Life“ als erstrebenswert empfinden, wie wir ihn in den (ohnehin amerikanisch dominierten) Medien gezeigt bekommen. Aber ist er das wirklich?
    Ich für mich habe mir die selben Gedanken wie du gemacht: Kleinere Wohnung, Dusche statt Wanne, kein Fernseher mehr, vl. auch keine 4er Couch im Wohnzimmer (die man ohnehin zu 95 % fast alleine zu benutzen scheint) sondern nur ein richtig gemütlicher Sessel zum Lesen und die Sonnenstrahlen durchs Fenster zu genießen?
    Wichtig ist es immer, den Mittelweg zu finden, zwischen dem was man sich vl. als Traumvorstellung ausmalt (für uns die bereits genannte „einsame Berghütte im Wald“), und das was man als (moderner) Mensch zum Leben „braucht“ (fließendes, warmes Wasser, Zentralheizung, Strom, ein Kühlschrank, Internet…beliebig erweiterbar).

    In erster Linie geht es auch für mich darum ein Leben zu führen, dass mich glücklich und zufrieden macht. Und hier ist „zu viel“, (wovon auch immer) oft hinderlich, da es einen wieder mit Sorgen zu überschütten scheint, denn je mehr ich habe, umso mehr muss ich Zeit investieren um es zu bekommen, zu erhalten, zu pflegen und desto mehr kann ich auch verlieren…

    Abschließend ein Zitat (von der Karte einer lieben Freundin) an meinem Kühlschrank:
    „Reich ist, wer weiß, dass er genug hat.“ – Laotse

    lG Matthias

    • Die Schierigkeit ist, herauszufinden, welche Wünsche von außen an einen herangetragen werden und welche aus einem selbst heraus kommen. Viele Wünsche kommen erst durch den sozialen Austausch zustande und würden ohne bestimmte Wertvorstellungen und Glaubenssätze nicht existieren. Deswegen empfinde ich es als soo sichtig, genau in sich hinein zu hören und dabei herauszufinden, was man wirklich für sein Leben will und was man braucht.
      Wobei wir Menschen halt soziale Wesen sind und ohne unsere Mitmenschen nicht überleben können. Ich denke, der Kompromiss macht es…

  3. Mark sagt

    Ich finde es muss nicht immer in ein Extrem gehen. Man muss den Überblick halten und alles ist gut.
    Ich z. B. bin wenig vom Idealismus getrieben sondern denke höchst Pragmatisch. Ich nutze genau die Sachen auf die ich ein Verlangen habe und bei mir ist das u. a. auch ein schönes Auto. Alles andere wird ausgemistet. Und ich versuche mich so wenig wie möglich Abhängig zu machen…. d. h. bei mir z. B. keinerlei Kredite. Ich lebe z. B. mit unter 500 € an Fixkosten im Monat auch wenn ich die Möglichkeiten hätte in einer wesentlich neueren Bausubstanz zu leben. Würde ich mich dazu entscheiden dann würden mich höhere Fixkosten immer belasten. Es sind die einzigen Kosten für mich wo ich angreifbar wäre wenn es mal schlecht laufen würde. D. H. die tolle Wohnung die 500 € mehr Miete kostet macht mich weiter abhängig von Geld wenn ich nicht enorme Rücklagen habe die so etwas auffangen. Und es ist was anderes jeden Monat 500 € oder gleich 1000 € aufbringen zu müssen um die elementarsten Sachen (Miete/Strom/Heizung) zu bedienen. So wie ich jetzt lebe vermisse ich nichts und es sind sehr überschaubare Kosten auch weil ich in einem Randbereich eines Ballungsraumes mit wesentlich geringeren Mietgen lebe… theoretisch könnte ich ein paar Jahre mit meinen Ersparnissen aussteigen und die Wohnsubstanz als sicheren Hafen trotzdem halten. Dieser Gedanke ist ein sehr gutes Gefühl. Man ist nicht so verwurzelt mit den Dingen…. und das ist echte Freiheit !

    • Lieber Mark,
      wir sind da anscheinend ziemlich ähnlich. Meine Fixkosten halt ich schon seit über 10 Jahren auf einem Niveau, mit dem ich selbst bei Bezug der Grundsicherung gut leben könnte, ohne finanziellen Schaden zu nehmen.
      Leider verstehen das viele Menschen nicht wirklich. Sie haben die alltäglichen Scheuklappen auf und rennen mit dem Gedanken durch das Leben, dass ihnen schon nix passieren wird. Dazu habe ich hier auch schon mal einen Beitrag geschrieben; über die Gründe für die private Überschuldung. Vieles davon lässt sich durch ein einfaches Leben sichern. Aber vielen Menschen verstehen das nicht. Ich kenne selbst Minimalisten, die damit Probleme haben. Das macht mich immer ziemlich fassungslos. Aber ändern kann man diese Menschen auch nicht.
      Umso schöner zu sehen, dass es anscheinend da draußen noch andere Personen wie dich gibt, die sich darüber Gedanken machen und auch danach leben…

  4. Ich weiß, dass ich nach 6 Wochen Urlaub nach Hause will und nicht mehr im Freien schlafen will. Ich weiß, wie schrecklich es ist, nicht baden zu können im 6. Jahr. Und mein 19. (!) Umzug wird nicht in eine 25 qm Butze sein. Ich habe mir 1000 so kleine Appartments angesehen im letzten Jahr im Internet. Ich kann mich damit nicht anfreunden. Kann ich mir für mich nicht vorstellen. Ich will mehr, als ich brauche. Denn ich bräuchte nur 7 qm. Ich könnte probeweise in mein leeres 7 qm Zimmer ziehen. Aber warum sollte ich das tun? Bin lieber auf dem Balkon und lese.

    lg Tanja

    Du fragst dich ja öfter, warum wir kaufen. Schau mal. Mit Joachim. https://www.youtube.com/watch?v=6A1jPFXCUxM

  5. Petra sagt

    Wenn ich mal etwas neues kaufe ider geschenkt bekomme– dann muss dafür etwas anderes fort. (verschenken, entsorgen,wie auch immer). Es sollten nicht mehr Gegenstände um mich sein als momentan. Das ist schonmal ein Anfang

    • Das ist eine Möglichkeit. Aber leider für mich nicht immer praktikabel. Bei meinem Kleiderschrank klappt das aber ganz gut!

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