Allgemein, Minimalismus, Psychologie
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Interview

Im Rahmen einer Bachelor-Arbeit wurde ich kürzlich um die Beantworung einiger Fragen gebeten. Da ich diese ganz gut fand, möchte ich die Fragen und meine Antworten hier wiedergeben.

Seit wann lebst du als Minimalist? Wie kam es dazu, war es ein schleichender Prozess oder eine bewusste Entscheidung?

Zum Minimalismus bin ich vor ca. vier Jahren über einige Umwege gekommen. Ich habe bereits Jahre zuvor vom Grabbeltisch ein Buch mitgenommen, in dem es um Ernährung ging. Das war „Versteckte Dickmacher: Wie die Nahrungsmittelindustrie uns süchtig macht“ von Annette Sabersky und Jörg Zittlau. Ich muss zugeben, dass ich kein besonders guter Esser bin, mich dieses Buch aber sehr beeinflusst hat. Es ging mehr um die verschiedenen Zusatzstoffe und wie ungesund die industriell hergestellte Nahrung sein kann.
Daraufhin habe ich im Internet recherchiert und bin auf die Seite utopia.de gestoßen, die sich mit dem ganzen LOHAS-Bereich beschäftigt. Über diese Seite bin ich dann auf die Texte von Dirk Henn mit seiner Webseite 52wege.de aufmerksam geworden. Und dort fand ich dann wiederum die Texte von Leo Babauta, über den ich dann auf die anderen amerikanischen Blogger gekommen bin. Fasziniert von den Gedanken habe ich mich dann eingelesen.
Und dann fing ich an, Kleinigkeiten in meinem Alltag umzusetzen. Der Fokus lag zu diesem Zeitpunkt auf Dingen, die mich selbst auch irgendwie störten. Beispielsweise meine Küche. Da ich etwas faul bin, sammelte sich immer das Geschirr, welches gespült werden wollte. Also habe ich alles bis auf das, was ich wirklich benötige, in den Keller gepackt. Übrig blieb genau so viel, wie ich für mich alleine benötigte. Somit hatte sich das Spülproblem erledigt, denn wenn ich etwas brauchte, musste ich es sauber machen, anstatt ein weiteres Teil aus dem Schrank holen zu können.

Danach ging es bei mir in Wellen weiter. Ich ging so mehrfach durch meine Wohnung, sortierte aus, verschenkte, verkaufte und entsorgte mein Zeugs, was ich nicht mehr gebrauchen konnte. Ich war nie jemand, der sehr viel gehortet hat. Aber aus Bequemlichkeit sammelten sich doch einige Bücher, Spiele, Film und anderer Mist an, der weg konnte. Und das ging ich dann nach und nach an.
Dabei viel mir auf, dass ich Sachen, die ich bei einer früheren Welle nicht ausmisten wollte, später dann doch weggeben habe. Demnach war das Ganze für mich ein schleichender Prozess, der immer weiter geht und auch nie wirklich abgeschlossen ist.

Was ist für dich der größte Unterschied zum Leben davor?

Einer der größten Unterschiede ist wohl, dass ich meine Arbeitszeit reduziert habe. Dadurch habe ich mehr Zeit zu Verfügung und kann mich auch noch anderen Dingen widmen.
Im Grunde ist das Leben aber auch einfacher geworden. Ich muss nicht so viel aufräumen, putzen oder anderweitig pflegen und die visuelle Ablenkung ist auch nicht mehr so groß wie vorher.
Am Ende bleibt mehr Geld und Zeit über, mit dem man den wirklich wichtigen Dingen im Leben nachgehen kann.

In welchen Lebensbereichen lebst du nun minimalistischer (Besitztümer, Verpflichtungen, etc.)

Das nach außen hin sichtbare Zeichen ist natürlich der Besitz. Ich habe so ein fiktives Ziel, dass ich, wenn ich einmal umziehe, dies mit maximal fünf Kisten machen möchte. Aktuell bin ich davon noch etwas entfernt, was aber auch daran liegt, dass ich vieles einfach nicht loswerden muss. Wenn ich einmal umziehen sollte (was schon lange geplant, aber bisher noch nicht umgesetzt ist), dann baue ich mir meine Wohnung komplett neu auf. Heißt, es wird jedes Möbelstück und jeder Besitz überdacht. Dabei wird bestimmt noch einiges wegfallen.
Verpflichtungen habe ich schon immer sehr niedrig gehalten. Ich bin ein Mensch, der auch gerne mal seine Ruhe braucht und nur ungerne von einem Termin zum anderen hetzt. Da bin ich gerne flexibel. Ich brauche halt Zeit für mich.

Was ist dein liebster Besitztum?

Ich bin ein Spielkind und deswegen bestehen viele meiner liebsten Dinge aus „Kabeln“. An erste Stelle würde ich da, glaube ich, mein Smartphone nennen. Das aber auch nur, weil es so viele Geräte vereint und so komplett ersetzt. Es ist Kommunikationsgerät, Internetzugang, MP3- und Videoplayer, Spielekonsole, Navigationssystem, Taschenlampe, Notiz- und Tagebuch und noch so vieles mehr.
Daneben würde ich meinen Laptop und mein eBook-Reader zu meinen wichtigsten Dinge zählen.
Und ich habe noch eine (der fünf Kisten) mit gesammelten Erinnerungsstücken. Von diesen Sachen kann ich mich auch nicht trennen.

Gibt es etwas, dass du vermisst oder bei dem du es bereut hast es losgeworden zu sein?

Ich habe im Sommer 2013 mein Auto abgegeben und war dann ein halbes Jahr autolos. Das geht hier im Ruhrgebiet auch ganz gut. Allerdings bin ich auch des öfteren mal an Grenzen gestoßen. Die geänderten Arbeitszeiten bringen es aber mit sich, dass ich nun keinen Stau mehr beim Pendeln zu befürchten habe, was mir eine Zeitersparnis von fast einer Stunde am Tag bring. Das finde ich schon eine Menge und bin deswegen wieder auf das Auto umgestiegen. Was nicht heißen soll, dass sich das nicht wieder ändern kann. Würde ich näher an meiner Arbeit wohnen, würde ich dort mit dem Rad hinfahren und auch sonst vieles so erledigen. Ob sich dann noch ein Auto lohnen würde, bleibt dann zu überlegen.

Was würdest du jemandem empfehlen, der Minimalist werden will?

Jemand der minimalistisch Leben will wird wohl, wie wir alle, mit dem Ausmisten anfangen. Da sollte man sich einfach den Bereich als erstes vornehmen, der einen am meisten stört. Verbissen an die Sache heranzugehen, wird nicht viel bringen. Lieber mehrfach den Bestand durchgehen und nach und nach kleine Schritte tun.
Wenn man mit dem Ausmisten fertig ist oder grade keine Lust mehr darauf hat, kann man sich anderen den anderen Lebensbereichen widmen. Dabei habe sich die Challanges als eine interessante Methode herausgestellt. Einfach mal für einen Monat eine Sache im Leben verändern und schauen, wie man damit zurecht kommt und was dies für Auswirkungen auf das eigene Leben hat. Das kann in den Bereichen Freizeit, Ernährung, Geld, Konsum oder allem anderen sein. Am Ende kann man dann entscheiden, ob man die Veränderung dauerhaft in das eigene Leben übernehmen möchte oder es doch lieber wieder sein lässt.

Und man sollte die ganze Sache nicht zu dogmatisch ansehen. Keiner muss nur noch 100 Teile besitzen. Es ist kein Wettstreit, wer mit weniger auskommt. Es geht einzig und allein darum, für sich den richtigen Weg zu finden und dazu ist halt viel ausprobieren nötig. Als Anregung kann ich die ganzen Blogs zum Thema empfehlen (siehe meine Blogroll ander Seite). Wenn man mal bis zum ersten Post zurückgeht, kann man die einzelnen Schritte und Erfolge sehr gut nachvollziehen und sich einfach das rauspicken, was man grade gebrauchen kann. So kommt man immer wieder auf neue Ideen.

Grundsätzlich finde ich das Konzept von Erich Fromm „Haben oder Sein“ als eine der wichtigsten Veränderungen, die man hin zu einem minimalistischeren Leben verändern kann. Weg von einer Konsumorientierten, passiven Berieselung, hin zu einer aktiven Gestaltung des eigenen Lebens, durch das Tun.

2 Kommentare

  1. Danke schön, gefällt mir sehr gut Dein Interview (oder wie auch immer man das bezeichnen will)

    Der Link 52wege ist ja super genial, kannte ich noch gar nicht. Danke schön, da werde ich mich mal durchstöbern.

    lg
    Maria

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