Minimalismus
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Türchen 1 – Was ist für mich Minimalismus?

Hinter dem heutigen ersten Türchen verbirgt sich gleich die wohl grundlegendste Frage des Minimalismus. Was genau ist eigentlich Minimalismus?

Die Meisten werden heute, durch das mittlerweile recht hohe Medieninteresse an dem Thema, ein durch eben diese Medien geprägtes Bild habe. Aber Minimalismus bedeutet nicht, mit nur 100 Teilen zu leben. Es bedeutet auch nicht, auf alles verzichten zu müssen. Oder arm leben zu müssen.

Definition des Minimalismus

Minimalismus bezieht sich im Grunde einzig und alleine um die Dinge, mit denen wir uns umgeben. Da heute viele Menschen der westlichen Welt die Erfahrung machen, dass ihnen ihre Besitztümer über den Kopf wachsen, ist der Wunsch nach einem Weniger immer großer geworden.

Das ist auch nicht verwunderlich. Denn Mitte/Ende der 1980er Jahre kam der individuelle Konsum so richtig in Schwung und entwickelte sich spätestens ab den frühen 2000er Jahre zu dem „Hyperkonsum“, wie wir ihn heute kennen. Immer mehr, immer billiger. Denn die Wirtschaft muss ja wachsen…

Als Gegenbewegung kam ebenfalls Mitte der 2000er Jahre das Konzept des Minimalismus auf. Erst mal das Zeug ausmisten, was man selbst zu viel zu haben glaubt. Und als zweiten Schritt seinen Konsum so anpassen, dass man nicht wieder in die gleiche Falle tritt. Genau deswegen sehe ich die Konsumkritik und die daraus resultierenden Verhaltensveränderungen als den zweiten wesentlichen Bestandteil des Minimalismus.

Und was ist mit dem ganzen Rest?

Aber was ist dann mit veganer Ernährung? Zero Waste? Plastikfrei? Oder Nachhaltigkeit? Dies sind alles sehr wichtige Punkte, die zu Recht als Prototypen einer neuen, zukunftsträchtigeren Zukunft gelten. Aber sie haben mit Minimalismus im Kern nichts zu tun!

Voluntary Simplicity

All diese Punkte werden unter den Begriff der „Voluntary Simplicity“, also der freiwilligen Einfachheit zusammengefasst. Und das ist absolut nichts Neues! Unter diesem Dach werden all die oben genannten Dinge zusammengefasst, welche heute fälschlicherweise unter dem Minimalismus-Begriff zusammengefasst werden.

Und wie in einigen sehr empfehlenswerten Bücher nachzulesen ist, habe sich die Menschen seit sich unsere Gesellschaft in Richtung Kapitalismus bewegt hat, bereits über das zu viel der Dinge beschwert:

Das bekannteste Buch zum Thema mag wohl „Walden: oder Leben in den Wäldern“ des amerikanischen Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau sein.

In den 1970er Jahren schrieb dann Elain St. James „Simplify Your Life – 100 Ways to Slow Down and Enjoy the Things That Really Matter„.

Und das Standardwerk zur Voluntary-Simplicity-Bewegung schrieb Duane Elgin. Sein Buch erschien 1981 und ist heute in einer erweiterten Ausgabe von 2010 unter den Titel „Voluntary Simplicity Second Revised Edition: Toward a Way of Life That Is Outwardly Simple, Inwardly Rich“ erhältlich.

Ich muss aber in diesem Zusammenhang noch auf zwei neuere Werke hinweisen:

David Grabers „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ sowie das erst dieses Jahr erschienene Machtwerk „Herrschaft der Dinge – Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute“ von Frank Trentmann.

In all diese Publikationen kann man wunderbar nachlesen, dass der Minimalismus alles andere als ein neues Phänomen, eine neue Bewegung ist. Im Gegenteil: Er ist eigentlich alter Wein in neuen Schläuchen. Angepasst und hip verpackt für die Menschen im Hyperkonsum.

Minimalismus-Kritik

Und genau hier setzt meine Kritik am Begriff „Minimalismus“ an, so wie er heute zumeist verstanden wird. Denn weil der Begriff bis heute nicht definiert ist, wird dieser heute so inflationär benutzt.

Ich habe meine DVD-Sammlung von 50 auf 20 Filme reduziert? Wie minimalistisch…

Ich habe nur einen anstatt vier Bio-Joghurts gekauft? Wenn das mal kein Minimalismus ist…

Und ich am Kauf-Nix-Tag nichts gekauft? Cool! War ja auch gar nicht soo schwer, weil ich mein ganzes Geld am vorherigen Tag, dem Black-Friday, eh schon komplett verschleudert habe…

Das meiste, was da draußen als Minimalismus verkauft wird, hat wenig mit dem Kern zu tun. Es fehlt eine allgemeingültige Definition. Und auch fehlt der Mut klar auszusprechen, was Minimalismus ist, und was nicht. Deswegen mag ich den Begriff „Minimalismus“ heute nicht mehr so wirklich und nutze stattdessen zumeist „voluntary simplicity“.

Ich führe ein freiwillig einfaches Leben. Perfekt ist das nicht. Und es gibt wohl ein kein Endpunkt, denn es zu erreichen gibt. Das macht es für viele schwer zu fassen…

Das zweite Türchen wird sich morgen um 8:00 Uhr auf meinem YouTube-Kanal „Die Entdeckung der Schlichtheit“ öffnen.

Hier findest Du weitere Beiträge von:

Keri-Chaotic: kerichaotic.jimdo.com
Michael: www.minimalimus-leben.de

Wenn du auch einen Text zum heutigen Thema des Advendskalenders geschrieben hast, dann verlinke ihn bitte in einem Kommentar unter dem Beitrag. Ich werde deinen Post dann ebenfalls hier im Beitrag verlinken.

 

 

4 Kommentare

  1. Zufällig hat mich das Thema auch gerade beschäftigt. U.a. ist für mich Minimalismus eben nicht, wenn ich z.B. den Kleiderschrank entrümpele. Das ist maximal das notwenige Übel auf dem Weg zu einem minimalistischeren Leben. Spannend wird es doch erst, wenn es darum geht, den frei gewordenen Platz nicht wieder zuzurümpeln.

    • Das sehe ich genauso, Gabi! Ich finde es wichtig, auch die freigewordenen Möbel loszuwerden. Denn wenn ich diese noch rumstehen habe, werde ich sie auch wieder mit Zeug vollstopfen… =P

  2. Heike sagt

    Ich finde auf meinem Weg zum schlichten Leben toll, was für eine Entwicklung man selbst und ganz von selbst nimmt. Ich höre teilweise heraus, wenn sich Freunde und Kollegen unterhalten, wie vollgestopft ihr Leben und das ihrer Kinder ist. Keiner ist zufrieden oder gar glücklich. Die wenigsten haben ein zufriedenes Lächeln bei der Arbeit oder ihren Freizeiverpflichtungen im Gesicht. Für mich ist Minimalismus einfach nichts zu müssen. Kein Druck und Stress. Ich bin aus einer Depriphase heraus zum Entrümpeln gekommen. Mein Mann und ich hatten noch nie so eine glückliche Zeit. Wir sind seit 34 Jahren zusammen.
    Ich freue mich schon auf die nächsten Fensterchen 😊

    • Heike, das hast du richtig erkannt: Arbeit, aber grade unsere Freizeit ist mit soo vielen (Konsum-)Anforderungen und Verpflichtungen vollgestopft, dass es in puren Stress ausartet. Da rauszukommen, alos sich von diesen vermeitlich wichtigen Anforderungen frei machen zu können, ist ein wesentlicher Punkt. Es ist ist heute einfach viel zu viel. Erst wenn ich zu sehr vielen Dingen Nein sagen kann, dann bekomme ich eine gewisse Souveränität zurück und kann meine Zeit wieder wirklich frei gestalten. Und ich würde behaupten, dass dieser Schritt bei weitem schwieriger ist, als nur sein Zeug auszumisten…

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