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Warum wir nicht mehr, sondern weniger Apps brauchen…

In der vergangenen Woche zeigte Apple auf der WWDC einen kleinen Imagefilm für deren Appentwicklung. In dem Video zieht ein neuer Mitarbeiter von Apple den Stecker einer Serverfarm, was zur Folge hat, dass sämtliche Apps auf den Smartphones gelöscht werden. Die Folge ist eine Apokalypse. Da das Video nur 3 Minuten geht, habe ich es einmal in diesen Beitrag eingefügt.

Der kleine Film zeigt als Folge einer „Appokalypse“, wie die Menschheit ohne Apps und Smartphones im Chaos versinkt:

Kinder schreien und weinen, weil ihre Spielprogramme auf den Tablets nicht mehr funktionieren. Autofahrer bauen massenhaft Unfälle, weil ihre Navigationssysteme ausgefallen sind. LKW explodieren. Frauen laufen verzweifelt durch die Straßen und verteilen ausgedruckte Selfies, die niemand will. Ein ebenso frustrierter Mann versucht, seine Umwelt davon in Kenntnis zu setzen, dass er „eine riesige Pizza ganz alleine gegessen“ habe. Und der AppStore wird als ein verkommener, zwielichtiger Marktplatz ersetzt, auf dem fliegende Händler an mittelalterlich wirkenden Ständen Musik-CDs, Bücher, Karten verkaufen oder vermeintliche Schönlinge sich auf kleinen Balkonen als Lustobjekte anbieten (Tinder).
Erschreckend anschauliche Bilder die zeigen, wie eine Welt aussehen würde, in der wir unser Onlineverhalten 1:1 in die Realität übertragen.
Apple ruft als Fazit die Parole aus, dass die Welt genau deswegen all die vielen Appentwickler dringen benötigt. „Die Welt zählt auf dich!“

Falscher Blickwinkel

Wie falsch diese Schlussfolgerung doch ist. Schon beim ersten Sehen dieses Videos stieg in mir ein sehr ungutes Gefühl auf. Denn diese Bilder lassen mich zu einer komplett gegenteiligen Schlussfolgerung gelangen: Schafft die Apps ab!
Nicht nur, weil die Welt wirklich im Chaos versinken würde, wenn für mehrere Tage das Internet, Smartphones oder gar der Strom ausfallen* würde. Sondern vor allem deswegen weil dieser Film aufzeigt, wie abhängig wir von diesen Gegenständen und Dienstleistungen geworden sind:

Kinder müssten persönlich betreut werden, anstatt sie an Tablets und andere Unterhaltungselektronik abzuschieben. Autofahrer müssten sich in ihrer Umgebung selbst orientieren und eine Karte lesen können; nicht blind den Anweisungen einer Computerstimme folgen. Man müsste sich für ein paar Musikalbumen, Bücher oder einen Film entscheiden und nicht immer alles und das gleich haben wollen. Und viele Menschen müssten sich, (welch eine grausige Vorstellung) wieder mit anderen Menschen in ihrer Umgebung unterhalten. Sie würden ein reales, soziales Wesen sein und ihre heute leider akzeptierte und allgegenwärtige narzisstische Arroganz wieder verlernen.

Offline und Analog

Mir zeigt dieses Video nicht, dass wir mehr Entwickler, mehr Apps und mehr Technik brauchen, sondern dass wir weniger davon brauchen. Viel weniger!
Wir sollten wieder lernen, mit Menschen zu sprechen, mit ihnen real und von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Wir sollten verlernte Eigenschaften wiederentdecken und neu erlernen (Straßenkarten lesen, im Kopf oder auf dem Papier rechnen, etc.). Wir sollten wieder dedizierte Geräte für wenige Tätigkeiten nutzen (Offline Musikplayer oder Fotoaparate), anstatt alles mit einem zu machen, welches uns bei allem ständig überwacht. Und wir sollten wieder lernen, Entscheidungen zu treffen und nicht immer alles auf einmal, sofort und ab besteb kostenlos haben zu müssen.

Aber warum sind wir so?

Warum nutzen wir diese neuen Techniken in einem solchen Ausmaß? Warum machen wir uns so sehr abhängig?
Ganz einfach: Weil es einfach, bequem und billig ist. Weil es uns vermeintlich den Alltag erleichtert, aber in wirklich diesen nur digital verhüllt. Wir versprechen uns von der Nutzung mehr Kompfort und ein einfacheres Leben. Dabei würde der verzicht auf einen Großteil der smarten Geräte und Apps unser leben wesentlich einfacher gestalten. Und wenn dies nicht der Fall ist, so beschäftigen wir uns trotzdem wieder intensiver mit den Dingen, die wir gerne nutzen.

Ich muss mir bei all diesen Dingen natürlich aber auch selbst an die Nase fassen. Ich war lange jemand, der bei dieser Entwicklung ganz vorne gelaufen ist. Mein erstes Smartphone besaß ich bereits, als Apples iPhone noch gar nicht in Entwicklung war (nämlich 2003: Nokia 3650 mit Symbian OS). Diese Geräte waren zwar auch smart, aber komplett offline.
Erst seit etwa einem dreiviertel Jahr lerne ich die Vorteile des Verzichts auf smarte Technologien immer weiter kennen und schätzen. Ob es Musik auf MiniDisc ist oder die eingeschränkte nutzen des Smartphones.
Gerade letzteres hat in den vergangenen Wochen, vor allem im Hinblick auf den Datenschutz eine große Relevanz in meinem Leben bekommen. Aber dazu später mehr.

Vielleicht hast du ja bei diesem Film ähnliche Gedanken und Gefühle gehabt. Oder bist vielleicht anderer Meinung? Schreib mir dazu doch einen Kommentar. Ich bin gespannt, ob ich einfach nur übertreibe oder ob meine Gedanken zu diesem kleinen Imagefilm doch nicht ganz falsch sind…

7 Kommentare

  1. Jens B. sagt

    Hallo Daniel,

    ich musste beim Lesen deines Artikels mehrmals die Stirn runzeln. In einigen Punkten stimme ich dir zu: Die Abhängigkeit von der Technik nimmt zu und das konsumorientierte Marketing, das Apple mit seinem Film betreibt, zielt nicht gerade auf die nützlichen Seiten (nützlich in unserem Sinne als Konsumenten) smarter Technologien ab.

    Aber diese nützlichen Seiten gibt es. Mir helfen sie zum Beispiel, mein Leben aufgeräumter zu gestalten. Bei mir fliegt kein Kalender mehr rum, die Wohnung steht nicht voll mit unnützen Geräten, die Papierberge schrumpfen anstatt zu wachsen und die Bücherkisten werden auch nicht mehr mehr. Mein Urlaub gewinnt ebenfalls, weil ich beispielsweise vor Ort nach Wind und Wetter meine Aktivitäten planen kann.

    Es geht also meiner Meinung nach, ebenso wie im analogen Leben, nicht darum, sich um des Einschränkens Willen einzuschränken, sondern darum, das Sinnvolle vom Überflüssigen zu trennen. Und den Nutzen gegen den Preis abwägen zu können.

    Viele Grüße
    Jens

    • Ich kann deine Argumentation nachvollziehen. Natürlich schaffen viele der kleinen Programme (und der damit fast immer verbundenen Webservices) eine gefühlte Erleichterung.
      Deine Beispiele sind aber so grundlegende Funktionen, die ohne ein smartes Gerät und Apps auch ohne Probleme, ich behaupte sogar mit wesentlichen Vorteilen, genutzt werden können. Das Wetter wird spätestens alle 60 Minuten im Radio genannt oder ist durch einen Blick auf die Frontseite einer Zeitung erkennbar. Ein Kalender, wenn man diesen nicht auf Papier führen will, konnte man schon mit den Mobiltelefonen um die Jahrtausendwende verwalten. Und was den Papierverbrauch angeht, ist genau das Gegenteil der Fall: Während 1970 weltweit 130 Millionen Tonnen Papier verbraucht wurden, waren es 2005 schon 367 Millionen Tonnen, was bis zum Jahr 2015 auf 440 Millionen Tonnen ansteigen sollte (Quelle: WWF).
      Ich denke, dass Minimalismus falsh verstanden wird, wenn es nur darum geht, fünf Geräte in einem zu vereinen. Natürlich habe ich dann nur ein Gerät anstatt fünf. Aber was man nicht sieht, sind die unzähligen Server, die für all die smarten Dinge im Hintergrund laufen müssen. Man hat also nicht nur das kleine Gerät in seiner Hand, sondern nutzt noch einen rieseigen Serverschrank dazu. Diesen vergisst man schnell, weil wir ja für fast keine der vielen Funktionen mit Geld bezahlen müssen. Dafür zahlen wir mit unseren Nutzungs- und persönlichen Daten.
      Kompfort ist nicht immer sinnvoll, sondern oft überflüssig, wenn man ihn gegen die realen Kosten abwägt. Und viele der Funktionen, die viele der Apps bereitstellen sind augescheinlich extrem sinnvoll, einfach und viel leichter zugänglich. Aber die realen Kosten sind sehr hoch. Aber augenscheinlich sind diese nicht…

    • Ich glaube, eine Höhle wäre mir lieber, als die „Smarte Diktatur“ die Harald Welzer in seinem aktuellen Buch beschreibt.

      Welzer zitiert auf S.198 des Buches Jaron Lanier, der vom Umbau der innneren Verfasstheit der Nutzer spricht, die „dressiert werden, sich den Regeln von Facebook und anderen Netzwerken zu unterwerfen, so dass sie in ständiger Furcht leben, die empfundenen Vorzüge des Netzes zu verlieren, wenn sie sich nicht konform verhalten.“

  2. Das Problem ist, dass ich mein Smartphone nicht ganz erfasse. Sonst würde ich viel mehr Apps vorübergehend deinstallieren um das ganze System zu vereinfachen. Gut ist schon mal, dass ich niemandem meine Nr gebe und höchstens mit 2 Leuten whatsappe. Mit Kind im Ausland ist das halt sehr praktisch und (Video-)anrufe kostenlos. Sehr praktisch. Weil ich meine Nebenkosten senke, hab ich unterwegs kein Internet mehr. Finde das sooo befreiend. Mp3 Player auch. Weil du da nur die eine Funktion hast.

    lg Tanja

  3. Weniger Apps: Ja, sehe ich genauso. Es geht ja auch um WENIGER Apps und nicht darum jetzt alles komplett abzuschaffen.
    So etwas wie Orientierungssinn kann durchaus auch verloren gehen – das ist meine Feststellung der letzten Jahre. Ich war da einfach faul geworden, habe halt ständig das Navi-App auf Handy genutzt. Seitdem ich dies jetzt auf ein absolutes Minimum reduziert habe, merke ich, dass meine natürliche Orientierung wieder besser wird und ich immer noch problemlos Karten lesen kann.
    Wecker habe ich auch als ein extra Gerät, weil ich 1. einfach nicht mehr das Smartphone direkt am Bett liegen haben möchte – auch nicht im Flugzeugmodus. Und 2. das Gebimmel des Weckers für mein Gehör sowieso nicht ausreicht. Da ist der sehr simple Wecker mit Klingel, Vibration und Licht einfach besser für mich.
    Smartphones sind klasse Geräte, aber es muss eben nicht das halbe Leben darauf stattfinden.

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