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Was wirklich smarte Technologie wäre

Zum ersten Mal kam mir der Begriff des Smartphones im Jahr 2004 unter. Nämlich genau dann, als ich mein erstes Mobiltelefon bekam, für welches damals der Begriff verwendet wurde: das Nokia 3650.

„Smart“ war dieses Telefon, weil es als eines der ersten Telefone mit dem Betriebssystem Symbian OS ausgeliefert wurde, welches das installieren von Programmen erlaubte. Natürlich nicht über einen integrierten Store oder Ähnliches. Und es konnte sich via WAP mit dem Internet verbinden. Aber viel mehr, als sich für viel Geld einen Wetterbericht in Textform anzuschauen, war nicht möglich oder viel zu teuer …

Nachrüsten von Features

Für mich war dieses Telefon aber eine Offenbarung! Ich konnte beispielsweise auf ein Programm nachinstallieren, mit dem ich dann MP3s abspielen konnte. Oder ein Texteditor, mit dem ich viele kleine Geschichten schrieb. Und als größte Herausforderung funktionierte ich das Telefon mit einer externen GPS-Maus in ein Navigationsgerät um, mit dem ich dann meine ersten Geocaches fand.

Es war also möglich, Features zu seinem gekauften Telefon hinzuzufügen. Solche Features war damals fast der einzige Grund, warum man sich ein neues Mobiltelefon gekauft hat.

„Versmartisierung“ der Technik

Seit diesen Tagen hat sich viel verändert! Und in mir stößt die „Versmartisierung“ der Technik immer mehr Widerwillen, gar starke Ablehnung. Nicht, weil ich die Möglichkeiten, welche uns das überall verfügbare Internet in Kombination mit den vielen kleinen Minicomputer in Form von Telefonen, Uhren, TVs oder Toastern bietet, nicht schätzen würde. Ganz im Gegenteil. Mir missfällt aber vor allem die Kontrolle, die ich bei der Nutzung dieser Geräte abgebe.

Und so kam es, dass ich vor einigen Wochen an einem Freitagabend auf meiner Couch lag, und mit meinem Mobiltelefon im Netz surfte, als plötzlich der Bildschirm schwarz wurde. Mein Telefon verweigerte nach 1,5 Jahren komplett den Dienst. Gut, es war noch Garantie auf dem Gerät, weswegen eine Reparatur kein Problem war. Allerdings nahm ich dies zum Anlass, mir einmal die aktuellen Geräte anzuschauen, die auf dem Markt sind. Und ich musste feststellen, dass nicht ein einziges Smartphone, den Ansprüchen gerecht wird, die wir an wirklich „smarte“ Technik stellen müsste.

Unter wirklich smarter Technik würde ich vorwiegend die folgenden Eigenschaften zusammenfassen:

  • Nicht besser, sondern effizienter: Warum „brauche“ ich alle paar Jahre ein neues Smartphone, einen neuen Computer oder Ähnliches? Weil sich die Technik weiterentwickelt und fortschreitet. Soweit so gut. Nur fordert der Kapitalismus, dass Unternehmen Gewinn erwirtschaften müssen. Das ist der einzige Zweck, warum die überwiegende Anzahl an Firmen forschen und neue Technologien auf den Markt bringen. Die Möglichkeit, Features zu seinen bereits vorhandenen Dingen hinzuzufügen, widerspricht also der Gewinnmaximierung. Denn so können die Geräte länger genutzt werden, was übersetzt bedeutet, dass die Firmen keine neuen Produkte verkaufen. Geplante Obsoleszenz  ist die Folge. / Im Hinblick auf die ökologische Ausbeutung unseres Planeten aber auch der Persönlichen sollte wirklich smarte Technik so lange wie möglich genutzt werden können und durch Update nicht verschlimmbessert, sondern wirklich effizienter gemacht werden.
  • Haltbarkeit/Langlebigkeit: Damit würde an vorderster Stelle auch die Haltbarkeit und Langlebigkeit der smarten Technologien einhergehen. Geräte, die über Jahrzehnte genutzt werden, schonen nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Umwelt und unsere Nerven.
  • Reparierbarkeit: Dazu sollten diese Geräte natürlich so gut es geht reparierbar sein. Dass dies zumeist nicht der Fall ist, zeigt der Österreicher Sepp Eisenriegler in seinem Buch „Konsumtrottel“* sehr ausführlich, der selbst eine Reparaturwerkstatt in Wien betreibt. Sein liebstes Beispiel sind Waschmaschinen: Diese werden heute fast ausschließlich mit Stoßdämpfern aus Plastik ausgeliefert, die einem starken Verschleiß unterliegen und schnell kaputtgehen. Sind diese einmal hin, wird die volle Wucht der Maschine beim Schleudern von den Kugellagern der Trommel abgefangen, was diese schnell kaputtgehen lässt. Um diese jedoch auszutauschen, muss der komplette Bottich der Waschmaschine ausgetauscht werden, was teurer ist, als eine komplett neue Maschine zu kaufen. / In was für einem kranken System leben wir eigentlich, wenn wir es hinnehmen, dass Ressourcen verschwendet und der Umwelt, unsere Lebensgrundlage zerstört werden, nur weil sich einige wenige Personen und die Teilhaber (Aktionäre) der Firmen bereichern wollen?
  • Umweltschonendere Herstellung: Eine der umweltschonendsten Möglichkeiten etwas herzustellen ist es, diesen Gegenstand erst gar nicht herzustellen. Wären unsere Dinge wirklich smart, dann würden sie über Jahre halten, sich updaten lassen und dabei nicht langsamer, sondern effizienter und schneller werden. / Und falls doch etwas hergestellt werden muss, dann sollten die Einzelteile umweltschonend gefördert, fair bezahlt und Verantwortung (auch finanzielle) für die Schäden für deren Herstellung übernommen werden. Damit geht natürlich einher, dass die Produkte auch ihren Preis haben müssen. Die allermeisten Produkte, die wir heute kaufen, sind viel zu billig, als dass deren wahre Kosten im Endpreis berücksichtig würden.
  • Offline: Was sind heutige „smarte“ Geräte ohne eine aktive Internetverbindung? Richtig! Nicht mehr als teuere, mit Elektronik vollgestopfte Briefbeschwerer. Denn die meisten Funktionen lassen nicht offline nicht nutzen. Das merken wir schnell, wenn die Nachricht nicht zum Empfänger gesendet werden, die Verbindung zum Streaminganbieter nicht aufgebaut werden kann oder ganze Geräte sich ohne Internetverbindung erst gar nicht nutzen lassen. Wie toll wäre es, wenn unsere Geräte von sich aus klug wären und dazu nicht auf externe Server zugreifen müsste?
  • Datenschutz: Zudem wird für alles heute eine Anmeldung erforderlich, mit der Daten über das Nutzungsverhalten generiert zu einer Person eindeutig zugeordnet werden können. Das Zauberwort „anonym“ verleitet uns, den Versprechen der jeweiligen Anbieter zu vertrauen. Aber auch wenn die Daten anonym gespeichert werden, können diese auf eine einzelne Person zurückverfolgt werden, wenn nur der Datenpool groß genug ist. Anonymität ist niemals vollständig gegeben oder kann gewährleistet werden. Selbst dann nicht, wenn man sich alle Mühe gibt, seine Daten zu verschleiern.
  • Effiziente Zeitnutzung: Effiziente Nutzung der eigenen Lebenszeit sollte ebenso auf der Agenda wirklich smarter Produkte stehen. Auch wenn uns smarte Produkte mit der vermeintlichen Vereinfachung unserer Leben ködern wollen, so fressen sie meisten am Ende mehr Zeit, als uns lieb ist: Erst mal müssen die Geräte ja erst mal angeschafft und bezahlt werden. Sprich, wir verwenden Zeit mit der Beschaffung des Geldes durch Arbeit und damit, die Produkte auszusuchen, zu kaufen und einzurichten. Aber die smarten Technologien wollen auch genutzt werden. Dabei sind viele der Produkte so konzipiert, dass sie unsere Zeit so lange wie möglich an sie und damit an die dahinterstehenden Unternehmen binden. So beschäftigen Facebook, Amazon, Google und Co. ganze Abteilungen und Heerscharen an Psychologen, die mit der Aufgabe betraut sind, uns so lange wie möglich an deren Produkte zu binden. Auch wenn es kaum bekannt ist: Facebook zeigt nicht einfach alle Inhalte an, sondern ausdifferenzierte Algorithmen berechnen, welche Inhalte sie dazu bewerben würden, mehr Zeit auf deren Internetseite zu verbringen. Oder deren Werbung für den Nutzer interessant sein könnte. / Wirklich smarte Technik würde mir nicht meine wertvolle Zeit stehlen, um mir Werbung anzuzeigen, sondern nur das herausfiltern, was wirklich für mich interessant ist und nicht meine Zeit verplempert. (Die Problematiken, die damit in Zusammenhang stehen, klammere ich hier mal aus; Stichwort Filterbubble.)

Technologie wird heute zwar als smart bezeichnet, aber wir der damit gemeinten Bedeutung kaum bis gar nicht gerecht. Smarte Technologien dienen nicht dem Menschen und der Verbesserung seines Lebens, sondern sind so konzipiert, dass sie den dahinterstehenden Unternehmen Geld in die Taschen spülen.

Ich würde mir wünschen, dass neue Technologie nicht dem Geld, sondern den Menschen dienen würde. Was aber wohl im Kapitalismus ein Wunschdenken bleiben dürfte…

Jetzt interessiert mich natürlich, ob Dir noch weiter Eigenschaften wirklich smarter Technologie einfallen. Einfach in die Kommentare mit deinen Gedanken. Ich freue mich drauf!


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4 Kommentare

  1. chaoskaempferin sagt

    Du sprichst mir aus der Seele!

    Smart fände ich übrigends auch, wenn ich nicht mit dem ach so smarten Gerät 50 Funktionen mitgeliefert bekäme, die ich nie brauche, nur um die 10 Funktionen zu kriegen, die ich wirklich haben will.
    (und dann bei jedem Softwareupdate die ganzen Bullshit Apps wieder daraufgespült kriege, die ich nie wollte) Das finde ich eine besonders ärgerliche Form von Verschwendung meiner Zeit.
    Ich brauche auch nicht bei jedem update 20 neue Gimmicks, von denen mich 19 nicht interessieren und es mir unter Umständen erschweren, das Gerät so zu benutzen wie ich es wirklich brauche.
    Z. B. diese blöde Live Foto App beim I phone, auf die man im Halbdunkel in einer Zwischendecke auf der Baustelle schnell mal aus Versehen draufklickt und dann völlig becknackte Live- Mangel- Minivideos bekommt. hochgradig nervig! Und nicht zu deinstallieren.
    Liebe Grüße
    Astrid

    • Ich kenne das, was du meinst auch. Die Anpassbarkeit kann hier aber, grade bei Android, helfen. Es gibt ja unmengen an Apps, die auch wirkich nur für eine Funktion gut sind. Und so die mitgelieferten Apps ersetzen können.
      Ich überlege auch schon, aus genau diesem Grund, mir ein Betriebsystem auf dem Telefon zu installieren, welches nicht mehr die Apps von Google (auf den PlayStore) vorinstalliert hat. Aber das ist ein riesen Aufwand, die Garantie erlischt und man kann mit einem falschen Klick sein Smartphone schrotten. Deswegen habe ich bisher davon abgesehen…

  2. Conor sagt

    Ein ganz interessantes Produkt, auch wenn es nicht alle der oben aufgeführten Probleme löst, ist das Fairphone, ein modular aufgebautes Smartphone, dessen einzelne Komponenten problemlos ausgetauscht werden können. Es können also defekte Teile ausgetauscht werden oder einzelne Komponenten aufgerüstet werden, ohne dass gleich das komplette Telefon entsorgt wird. Das ist vielleicht schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung.
    Ich laufe im Übrigen immer noch mit einer uralten Smartphone-Gurke herum. Wenn man damit im Internet irgendetwas machen möchte, braucht man schon viel Geduld, es ist quälend langsam. Ich nutze es aber ohnehin nur fürs telefonieren, SMS und Whats App und hin und wieder als Navigator bzw. zum Fahrpläne der Bahn checken. Dafür reicht so eine Gurke dann noch. Ich kann mit solchen Einschränkungen leben. Viele „brauchen“ aber unbedingt mehr. Da muss unterwegs jederzeit Musik mit dem Smartphone gehört werden können. Es reicht nicht, Zuhause oder auf Konzerten Musik zu hören. Es müssen Spiele darauf gespielt werden können. Nicht ist schlimmer, als im Zug zu sitzen und sich unterhalten oder ein Buch lesen zu müssen. Der Smartphone-Nutzer sollte sich vielleicht erstmal die Frage stellen: was brauche ich eigentlich wirklich?

    • Vielen Dank für deinen Hinweis auf das Fairphone. Mir war zwar bewusst, dass versucht wird, die ethisch korrekt herzustellen (was, wie dieses Projekt zeigt, gar nicht möglich ist). Auch wusste ich, dass es mal Ansätze für ein modular aufgebautes Telefon gegeben hat. Dass dies das Fairphone aber ist, scheint irgendwie an mir vorbei gegangen zu sein. Sieht auf den ersten Blick sehr interessant aus. Werde mir das mal genauer anschauen!

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