Psychologie
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Langsam Leben

Es ist immer wieder eine kleine Übung, die ich gerne mache.
Ich gehe durch einen Bahnhof, eine hochfrequentierte Einkaufsstraße oder einen solchen Konusmtempel. Bewusst langsam und achtsam bewege ich mich durch die Massen an Menschen, die alle ihre eigenen Wege gehen und ihre individuellen Ziele verfolgen. Diese Achtsamkeit bringt mich in eine andere Dimension. Es ist schwer, es zu beschreiben. Alles um mich herum bewegt sich langsamer, in meiner Wahrnehmung entspannter.
Diese Erfahrung ist nicht möglich, wenn ich durch den Alltag hetze. Wenn ich mir zu viel aufhalse, zu spät das Haus verlasse oder mich beeilen muss.

Aber ich frage mich, wie ich diesen Zustand öfters erleben kann. Eine schwierige Frage. Ich habe lange darüber nachgedacht und immer wieder komme ich auf den Punkt zurück, weniger zu tun.
Muss ich wirklich diese vielen Dinge erledigen? Muss ich jetzt unbedingt diesen Film auch noch sehen? Muss ein geplantes Essen wirklich soo ausgefallen sein oder darf es auch schlichter ausfällt?
Unser Reduzieren und die Konzentration auf das Wesentliche spart viel Zeit ein. Doch wofür nutzen wie diese? Stopfen wir sie einfach wieder voll? Oder halten wir uns diese Zeit frei oder nutzen sie als Puffer, um Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu erhalten?
Ich bin kein klassisches Beispiel eines Menschen im Freizeitstress. Doch ich übertreibe es auch schon mal mit den (Hör-)Büchern, den Filmen, Spielen und den Anforderungen und Wünschen an mich selbst.

In der letzten Zeit komme ich aber immer öfter in den oben beschriebenen, ruhigen Zustand. Und das ist einfach wunderbar. Etwas hat sich verändert und es ist weiter im Wandel.
Was ein bisschen langsames Gehen doch im Leben verändern kann.

Kennst Du auch diesen Zustand oder hast ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie kommst Du in der Hecktik des Alltags zur Ruhe. Und wie schaffst Du es, auf Dich zu achten und Dich nicht zu überlasten.

11 Kommentare

  1. Langsam und achtsam durch das Menschengewühl – super Idee, die ich ausprobieren werde. Ich bin regelmässig komplett genervt davon, insbesondere von dem Lärm und dem Gewimmel von Leuten.
    Ansonsten komme ich schon seit längerem dahin, mir in der Freizeit einfach auch Ruhe zu gönnen und nicht in einen Aktionismus zu verfallen. Minimalismus ist für mich mehr als ein Entrümpeln, Gegenstände reduzieren, es ist eine Lebenshaltung, z.B. auch den eigenen Lebensrhythmus finden, bewusster erleben und geniessen. Dafür brauche ich weder einen vollen Kleiderschrank, noch ein voller Terminkalender.

  2. Ruhe habe ich nur, wenn ich eine To-do-Liste habe. Ich arbeite Punkt für Punkt ab. Das bringt Ruhe in meinen Tagesablauf. Der Herr meiner To-do-Liste bin ich! Ich verschiebe, stelle um, streiche, ändere. Ich habe den Kopf frei, denn alles steht in meiner Liste -auch die Dinge, die meiner Erholung dienen.

    Du hast gefragt – ich habe geantwortet.

  3. Ja, dieses “Bewusst-langsam-gehen” katapultiert mich auch immer in eine andere Dimension, in der ich mich ruhig, zentriert, klar, frisch und fokussiert fühle. Ich praktiziere das nicht nur in Menschenmengen.

    Der Witz ist ja, dass ich in einem gewissen Sinne dann gar nicht “weniger” mache. Das gibt es ja gar nicht. Ich kann ja gar nicht weniger leben. Schwer zu beschreiben. Die Qualität des Lebens ändert sich dann – aber ich “mache” dann immer noch etwas. Statt in grossen Schritten meiner Wohnung entgegen zu hasten, den Kopf voll mit all den Dingen, die ich noch erledigen will, mache ich etwas anderes: Ich bleibe stehen, spüre bewusst den Boden unter meinen Füssen, beobachte die Familie auf dem Spielplatz, gehe langsam vorwärts, nehme einen tiefen Atemzug, grüsse die Bauarbeiter, …

    Ich danke für deinen Beitrag. Ich habe heute eine längere Bahnfahrt vor mir und ich war innerlich schon etwas hektisch am Überlegen, wie ich diese Zeit möglichst “sinnvoll” nutze, welche Bücher ich lese, welche Texte ich schreibe. Dein Beitrag hat mich angeregt, mich einfach in die Bahn zu setzen und bewusst die Landschaft wahrzunehmen.

    To-Do-Listen sind für mich zwiespältig. (—> Kommentar von Betram Schaier)

    Einerseits vermitteln sie mir das Gefühl von Übersicht, “Auf-dem-richtigem-Weg-sein” und “Alles-im-Griff-haben”. Es ist beruhigend, sie abgearbeitet zu haben. Ein grösseres Projekt, dass ich in der letzten Zeit erfolgreich umgesetzt habe, konnte ich aufgrund guter To-Do-Listen sinnvoll strukturieren.

    Andererseits können To-Do-Listen einen guten Selbstkontakt verhindern, wenn ich stur meine Liste abarbeite, anstatt zu spüren: “Wie geht es mir gerade?”, “Was brauche ich jetzt?”, “Was wäre jetzt die Aktivität oder Passivität, die mir ein erfülltes Leben ermöglicht?”.

  4. Bewusst ein anderes Tempo als die anderen zu wählen öffnet mitunter die Augen und zeigt, welchen Wahnsinn wir zu anderen Zeiten selbst mitmachen.

    Ich mag das nicht mehr und freue mich immer wieder darüber, ganz andere Wege zu beschreiten.

    Und plötzlich wird mein Leben reich, weil ich so viele Dinge wahrnehmen kann, die ich sonst übersehe.

    lg
    Maria

  5. Nanne sagt

    Interessant, dass du das heute gepostet hast: Ich bin vorhin Fahrrad von A nach B gefahren und auf der Mitte der Strecke habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich so schnell unterwegs bin. Wieso ich nicht etwas langsamer fahre und meine Umgebung mehr wahrnehme, statt gedanklich bei B zu sein und mich zu hetzen (im Urlaub)? Niemand hat mich erwartet, selbst für mich war es nicht relevant, ob ich eine Minute früher oder später ankomme.
    Ich saß auf dem Fahrrad und habe das Hier und Jetzt gar nicht mitbekommen. Danach bin ich vielleicht nur minimal langsamer gefahren, aber mit viel mehr Bewusstsein und es war schön. Viel angenehmer, viel entspannter.
    Das passiert mir bestimmt öfter, vielleicht auch ohne, dass ich es merke.
    Kurze Zeit später wurde ich übrigens belohnt: Ich habe heute meinen ersten, kleinen Fischreiher gesehen!
    lg Nanne

  6. Seit ich meine Schrift nicht mehr lesen kann, sind Tu-Du-Listen schnell abgearbeitet. 🙂 Lieber weniger machen und dafür dann die richtigen Sachen. Ich suche gerade selbst Entspannungsrituale. Mein Babygras wächst. Garten entspannt mich. Da kriegt man 10-fach zurück, was man “investiert.” Musik in Endlosschleife hören, zeichnen, Kerzenlicht. Alles, was sich nicht bewährt und mich eher hektisch macht, fliegt wieder raus.

  7. Vielen Dank für Eure lieben Kommentare. Scheine mit dem Thema ja einen Nerv getroffen zu haben.

    Im Grunde bin ich ein Mensch, der immer in Eile ist. Nicht, dass ich dadurch irgendeinen Vorteil oder sowas hätte. Auf der Straße muss es schnell gehen, der Computer darf auch keine Denkpausen machen und alles muss zackig gemacht werden. Liegt wohl an meinem ADS.
    Deswegen ist es auch so sinnig für mich, mal bewusst zurückzuschalten und langsam zu gehen oder etwas langsam zu tun. Vielleicht kennt das ja der ein oder andere…

  8. Mir geht es auch so, dass ich oft in Eile bin. Und es hilft mir, zwischendrin mal kurz innezuhalten und zu überlegen, was von den vielen Dingen, die ich machen will, wirklich gemacht werden MUSS. Ich werde dann ganz ruhig, indem ich mir sagen kann “das muss alles gar nicht sein, ich kann/möchte es jetzt machen, aber wenn ich es nicht mache, ist es auch ok, davon geht die Welt nicht unter” – “Ich kann jederzeit aufhören”. Und schon werde ich innerlich ruhiger und mein Schritt wird langsamer.
    Wenn wir sagen, dass wir im Stress sind, so ist der Stress oft hausgemacht, weil wir zu viel wollen. “Was davon ist mir wirklich wichtig?” hilft um einen Schritt zurückzuschalten.

    Woher es kommt, dass wir immer wieder zu viel wollen und immer schneller werden, keine Ahnung. Vielleicht haben wir instinktiv zu viel Angst, es könnte sich Langeweile ausbreiten? Oder wir könnten etwas verpassen,wenn wir von den vielen Möglichkeiten nicht alle oder möglichst viele wahrnehmen?

    Ich lege abends oft ganz bewusst mein Buch zur Seite (Fernseher habe ich eh nicht) und mache gar nichts außer Katze streicheln. Es ist toll, welche Gedanken durch den Kopf fließen,wenn man nichts tut und die Gedanken einfach nur fließen lässt. Oft komme ich auf neue Ideen, indem ich scheinbar gar nichts mache. Und es ist unheimlich beruhigend. Mir tun solche Auszeiten sehr gut.
    LG
    Christiane

  9. Ich schaffe es in meinem aktuellen Alltag leider nicht wirklich langsam (und dabei entspannt) zu leben. Deshalb bin ich das Wochenende alleine weg gefahren und konnte dadurch auch meine Gedanken etwas sortieren.
    Somit war ich zwei Tage lang in einem “Entschleunigten-Modus”.

    Was bei mir meist auch noch hilft ist Zug fahren, sofern man kein Stress hat irgendwo pünktlich anzukommen sind auch Verspätungen auszuhalten. Jedoch ist man hier gezwungen langsam, aber gleichzeitig bewegt man sich fort ohne etwas zu tun und sieht Landschaft und Menschen an sich vorbei ziehe.

  10. Ich habe einen Job, der das Gegenteil von Entspannung ist. Aber er gefällt mir sehr und ich lerne viel. Privat mache ich mir keinen Leistungsdruck und vermeide Hektik. Ich jogge nur, wenn ich Lust habe – Bestzeiten und Antrieb durch Musik im Ohr brauche ich nicht. Klettern gehe ich gerne – manchmal. Vorigen Sonntag habe ich stundenlang gemalt, dass erste mal wieder seit Jahren. Auf dem Weg zur Arbeit schlendere ich, schaue den Himmel und die Häuser an.
    Ich glaube, in all der Hektik suchen wir nach Glück und Beruhigung. Das führt vielleicht schnell dazu, dass wir versuchen, durch Konsum von Waren und auch Essen eine Leere zu füllen und uns wieder wahrzunehmen.
    Ich sortiere bei mir in Ruhe aus und suche Leute, die brauchen, was ich loswerden will. Hau Ruck und wegschmeißen mag ich nicht. Ps: Lernt jemand von euch Spanisch? Meine Bücher wollen wieder jemandem etwas beibringen 🙂

  11. Caro sagt

    Ich habe ein Kind, es ist zwei und wenn wir spazieren gehen, dann brauchen wir für 500 Meter schonmal eine Stunde. Kinder sind unglaublich langsam, sie bleiben ständig stehen, um zu kucken oder kehren ein paar Meter wieder um und gehen dann vorwärts und wieder zurück usw. Es erfordert eine Menge Geduld, auf diese Weise spazieren zu gehen. Als Erwachsene musste ich mich erst daran gewöhnen, dass ich Wege nicht mehr mal eben erledige, sondern alles wird zu einem Ausflug/Erlebnis/Abenteuer. Dieser Lebensstil ist total abwechslungdreich, auch wenn wir jeden Tag denselben Weg zum Bäcker laufen. Es ist unglaublich, was in diesem Kindermikrokosmos alles los ist. Das wäre meine Empfehlung für den Start in ein entschleunigtes, minimalistisches Leben: Kinder kriegen.

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