Konsum
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Minimalismus ist unsozial!

Im letzten Video, welches auf meinem YouTube-Kanal erschienen ist, spreche ich über das Thema “Fallhöhe reduzieren”. Dort benutzte ich das Wort “Businesskasper”. Ein Wort, welches ich gerne nutze,, um die Absurdität heutigen Geschäftsgebarens zu beschreiben. Da ich jahrelang selbst sehr gute Einblicke in diese Welt hatte (und mich erfolgreich wehren konnte, selbst ein Teil dieses Kasperletheaters zu werden), fühle ich mich durchaus berechtigt, Kritik in diesem Bereich zu üben.

Die Werbebranche als Beispiel

Seitdem ich dieses Hamsterrad verlassen und mich auch thematisch immer wieder mit den Hintergründen unserer modernen Ökonomie beschäftigt habe, kam ich zu dem vorläufigen Schluss, dass viele der (grade neuen) Berufsbilder da draußen, dem Menschen mehr Schaden, als das sie uns nutzen.

Werbung ist da ein sehr prägnantes Beispiel: Die Werbe- und PR-Branche besteht im Grund nur aus reinem Selbstzweck. Ihre Existenz rührt allein daher, sich selbst zu rechtfertigen. Weitet man den Blick, so stellt man fest, dass Werbung genau das NICHT tut, wofür wir sie halten: Informationen über Produkte zu vermitteln.

Im Gegenteil: Es werden gezielt Desinformationen verwendet, um den Konsumenten zu verwirren und durch Emotionen statt Information zum Kauf anzuregen. (Ich stelle bei meiner Informationsbeschaffung vor einem Kauf immer wieder fest, dass ich für mich wichtige Informationen, wenn überhaupt, nur sehr schwer finden kann.)

Daneben ist Werbung nur für Produkte und Dienstleistungen notwendig, für die kein wirklicher Bedarf besteht. So gibt es keine (Image-)Werbung für Brokolie oder Leitungswasser. Grade in der heutigen Zeit stelle ich immer wieder verwundert fest, dass es viele teuer Produkte gibt, für die ich auch nach sehr langem Nachdenken, keinen wirklichen Nutzen finden kann, egal wie lange ich mich mit den vielen Werbeaussagen auch beschäftige. Diese neumodernen Lautsprecher mit Internetanbindung, die als persönliche Assistenten vermarktet werden, fallen mir aktuell besonders auf. (Diese werden auch in der Folge 44 des Minimalismus-Podcasts von uns erwähnt.)

Die Kritik

Die Kritik an dem Wort „Businesskasper“ (welches übrigens einem Sketch von Bully Herbig entstammt) meiner Zuschauer rührte daher, dass diese “Berufsgruppe” ja vermeintlich einen sehr großen Teil der Steuern zahlen würde und somit all die vielen Dienstleistungen (wie die städtischen Büchereien oder öffentliche Parks) des Staates oder der Kommunen tragen würden.

Ich kann verstehen, wie man zu so einem Schluss kommen kann. Schließlich sind Büroangestellte in unserer Wahrnehmung eine sehr große Kohorte. Aber durch mein Studium der Psychologie, in dem sehr viel Wert auf die methodische Korrektheit gelegt wird, weiß ich auch, dass solche allgemeinen Wahrnehmungen oft falsch sind. Also fing ich zu recherchieren:

Woher kommen die Steuereinnahmen?

Laut Zahlen aus 2012 der Bundeszentrale für politische Bildung belaufen sich die Einnahmen aus Lohnsteuern bei 149,1 Mrd.€, was mit 24,8% „nur“ ein Viertel der gesamten Steuereinnahmen sind. Was aber trotzdem der große Punkt der Einnahmen der Bundesrepublik Deutschland ausmacht.

Aber schon auf den ersten Blick fällt auf: Die Einnahmen durch Umsatzsteuer sind annähernd genauso hoch. Diese liegen mit 23,7% nur 1,1% niedriger als die Einnahmen durch Lohnsteuern.

Wie viele potenzielle „Businesskasper“ gibt es eigentlich?

Ein Viertel der Einnahmen kommen aus Lohnsteuern. Da drängt sich mir natürlich sofort die Frage auf, wie viele dieser Lohnsteuer zahlenden Menschen überhaupt potenzielle Schlipsträger sind?

Diese Frage ist nicht wirklich einfach oder gar eindeutig zu beantworten. Ich fand bei der Recherche eine Statistik des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Die Tabelle „Berufe im Spiegel der Statistik“ gibt Aufschluss über die Verteilung der Berufe für das Jahr 2011 (und älter):

Nach dieser Statistik fallen 68,1% der Tätigkeiten in den Dienstleistungssektor. Wovon 23,3% auf Sektoren fallen, die eher “gemeinnützig” sein mögen, wie Erziehung, Unterricht, Kultur, Sport, Unterhaltung, Gesundheits-, Sozialwesen, öffentliche Verwaltung, Sozialversicherung.

Bleiben also 44,8 potenzielle „Businesskasper“. Wobei in diesen 44,8% Arbeitnehmern alle möglichen Positionen zu finden sind. Die Gebäudepflegerin oder der Facility Manager sind in dieser Zahl ebenso vertreten, wie die Geschäftsführer einer Tieraufbereitungsanlage oder der Abteilungsleiter in einem Automobilkonzern.

Ebenso konnte ich mit meiner bescheidenen Recherche nicht klären, ob diese 44,8% der Arbeitnehmer wirklich auch 44,8% der Lohnsteuern zahlen. Geschweige denn, ob diese gar überdurchschnittlich mit ihren Steuern zum Gemeinwohl beitragen. Dies würde uns wohl nur ein Volkswirt mit dem Zugang zu entsprechenden Statistiken beantworten können.

Minimalismus ist unsozial!

Ich kann also die Aussage, dass „Businesskasper“ den Großteil der Steuern zahlen weder belegen noch entkräften. Das muss ich aber auch gar nicht!

Denn schaue ich mir die bisher zusammengetragenen Fakten an, fällt mir etwas viel Gravierenderes auf: Minimalismus ist ökonomisch gesehen asozial!

Jeder, der sich mit den Kernthemen des Minimalismus beschäftigt, wird schnell darauf kommen, dass es per Definition vorwiegend um die Dinge und den Konsum geht.

Wir befreien uns von Dingen, die wir vermeintlich nicht benötigen und versuchen weniger zu kaufen, um so ein einfacheres, glücklicheres Leben zu führen. Und wie ich selbst weiß, erreicht man genau dies durch weniger Dinge, weniger Konsum und weniger Arbeit.

Aber durch genau diese neuen Verhaltensweisen schaden “Minimalisten” unserer aktuellen Gesellschaft immens. Denn etwa die Hälfte der Einnahmen unseres Landes kommen stammen aus Arbeit und Konsum. Ich arbeite, also zahle ich Steuern. Und das erarbeitete Geld verkonsumiere ich und zahle wieder Steuern.

Ziemlich vereinfacht: 2014 betrug das mittlere Durchschnittseinkommen in der BRD 3.527€ pro Monat. Demnach betrug der Steuersatz bei 12 Monatseinkommen im selben Jahr etwa 23%. Hinzu kommen, nehme ich die 2016er Zahlen von Destatis zu der Verteilung der Konsumausgaben, 10,07% Umsatzsteuern aus Konsum.

Wie gesagt, ich bin kein Volkswirt und diese Rechnung mag an mehreren Ecken Fehler enthalten und ziemlich ungenau sein. Aber auch wenn ich mich um mehrere Prozent vertan haben solle: Etwa ein Drittel der Einnahmen eines hart arbeitenden Beschäftigten gehen direkt an den Staat.

Ein einfach lebender Mensch schadet unserer Solidargemeinschaft also in zweierlei Hinsicht: Er konsumiert weniger, was weniger Umsatzsteuer bedeutet(, zumal viele lebenswichtigen Dinge wie Wohnen und Nahrung gar nicht oder nur gering besteuert werden). Und zusätzlich arbeitet er weniger, was wieder dazu führt, dass er natürlich auch weniger Einkommenssteuer an den Staat abgibt.

Konsum ist die oberste Pflicht in unserer Gesellschaft!

Und so erklärt sich, warum die oberste Pflicht eines Bürgers westlich-orientierter Staaten der Konsum ist: Durchschnittlich etwa ein Drittel seines Einkommens durch Arbeit geht direkt an den Staat. Und auch wenn es wohl nur 10% in Summe sind, ist die durch Konsum generierte Umsatzsteuer noch bei Weitem wichtiger.

Demnach ist die in den Kommentaren zu meinem Video erwähnt Tatsache, dass „Businesskasper“ den größten Teil der stattlichen und kommunalen Dienstleistungen durch ihre Tätigkeit erwirtschaften schlichtweg falsch. Nicht durch ihre Arbeit werden diese Dinge vermeintlich gezahlt, sondern durch deren Konsum. Da die Umsatzsteuer trotz der kleineren Prozentzahl wesentlich mehr Geld einspielen.

Natülrich mag der Arbeitende mehr Geld verdienen. Aber auch „arme Menschen“ zahlen Umsatzsteuern und tragen somit zu den öffentlichen Ausgaben.

So lässt sich das Argument, dass Karrieremenschen einen überdurchschnittliche Beitrag zu diesen leisten nicht unbedingt halten. Ja, sie haben mehr Geld in der Tasche und können mehr Ausgeben, was wiederum die Summer der Umsatzsteuer steigen lässt. Der Konsum eines reichen Menschen ist jedoch freiwillig. Der “armer Menschen” wörtlich lebenswichtig.

„Das System implodiert aber, wenn sich jeder nur nehmen und nicht geben würde.“

Wie ich wohl klar dargelegt habe, kann man nicht nur nehmen, ohne zu geben. Auch wenn die Umsatzsteuerausgaben mit den errechneten 10% sehr wenig erscheinen mögen, machen sie doch den größten Teil der Einnahmen der BRD aus.

Das „System implodiert“ also nicht direkt, wenn weniger Menschen arbeiten würden. Dies kann man auch aus vielen Finanzierungsmodellen des Bedingungslosen Grundeinkommens entnehmen, welche ich hier nicht noch zusätzlich wiedergeben möchte.

Das System würde zusammenbrechen, wenn wir weniger konsumieren würden. Deswegen ist es unsere oberste Pflicht zu kaufen! Klar war mir dies bereits vor meinen obigen Ausführungen. Aber erst nach diesen Recherchen verstehe ich nur wirklich, warum dies so ist. Auch wenn meine Zusammenfassung mit Sicherheit an vielen Punkten stark vereinfacht und inhaltlich oder methodisch falsch sein mag.

Wenn man mich also wegen dem Wort “Businesskasper” kritisieren möchte, dann nicht deswegen, weil dieser mehr arbeitet, sondern weil er mehr konsumiert. Ergo: Ein Mensch, der nicht konusmiert oder konsumieren kann ist das wirkliche Problem!

Aber so kann es nicht weitergehen!

Diese Menschen, die viel Geld mit harter (und sinnentleerter) Arbeit verdienen und es verkonsumieren, arbeiten sehr an ihrem Ruf als gute Bürger. Sie arbeiten aber auch tatkräftig an der Zerstörung der Umwelt, der Verschwednung von Ressourcen und der Ausbeutung von Menschen, grade in den armen Ländern dieser Welt mit, welche unseren billigen Konsum durch ihre viel zu billige Arbeitskraft und Gesundheit erst möchlich machen.

Und so fällt unsere Abhängigkeit von Konsum und Wachstum nun sofort auf. Dies beißt sich aber mit unserem gesunden Menschenverstand, der schon lange registriert hat, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann:

Unser Hyperkonsum vernichtet die Ressourcen unserer Erde schneller als je zuvor und vernichtet systematisch unsere Lebensgrundlagen.*

Zudem macht es uns am Menschen zunehmend kränker. Psychische Erkrankungen aber auch sogenannte „Zivilisationskrankheiten“ schädigen uns als Person immer mehr.*

Und genau aus diesen Gründen erkennen immer mehr Menschen, dass es so nicht weitergehen kann. Und viele versuchen, neue Wege zu finden, mit diesen Problemen umzugehen. Ob dies nun Minimalismus, voluntary simplicity, ein veganes Leben, das Ablehnen von Konsum oder die teilweise Selbstversorgung aus dem eigenen Garten ist.

An dieser Stelle muss ich wieder einmal Björn Kern zitieren:

„Doch einfacher, als mit genesender Wirtschaft dem Menschen zu schaden, wäre es vielleicht, mit geschädigter Wirtschaft als Mensch zu genesen.“

Ich weiß, wie viel Angst Veränderungen machen können. Ich weiß auch, wie groß die Angst vor dem Verlust des erwirtschafteten Standards, privater aber auch gesellschaftlicher Natur, sein kann.

Aber wir brauchen ein neues Wohlstandsmodell (wie es die Stefanie und Carsten vom „Einfach vegan“-Podcast nennen und nicht nur im veganen Leben erkennen)!

Und dieses Modell zeigt Niko Paech in seiner Postwachstumsökonomie auf. Kurz angerissen: Weniger Arbeit, die auf mehr Menschen aufgeteilt wird (20 Stunde pro Woche reichen); viel weniger Konsum; Produkte sollen so lange wie möglich genutzt und repariert werden; Dienstleistungen und Dinge sollten regional getauscht oder verliehen verliehen werden.

Nicht ohne Wachstumsschmerzen

Meine Generation (der Menschen im Alter von 30-40 Jahren) werden wohl die ersten sein, die an die Grenzen des Wachstums gelangen. Und wir werden uns zwingend mit neuen Wohlstandsmodellen befassen müssen.

Dies wird nicht ohne (vermutlich große) Wachstumsschmerzen passieren. Aber ich hoffe, dass die Umwälzungen glimpflich ablaufen werden und nicht in Kriege um die letzten Rohstoffe enden.

Und ja, es ich nicht grade einfach, den gewohnten Lebensstandard und die vielen kleinen und großen Bequemlichkeiten aufzugeben. Aber ich kann auch berichten, dass dahinter kein Leben in kalter Wohnung mit einem Kartoffelsack als Kleidung steht.

Im Gegenteil: Der Gewinn an Lebenszeit durch weniger Arbeit und Konsum wieg bei weitem die vermeintlichen Verluste auf! Und ich kann sagen, dass ein Leben nach den Prämissen der Postwachstumsökonomie ein besseres, glücklicheres und einfacheres Leben ist.

Mehr werde ich zu den möglichen Lösungen unseres gesellschaftlichen Konsumdilemmas an dieser Stelle nicht verlieren. Zu empfehlen sind die diversen Vorträge von Niko Paech, welche man auf YouTube finden kann. Aber auch das Buch „Selbst Denken – Eine Anleitung zum Widerstand“ von Harald Welzer*. Auch die Ausführungen von Hartmut* Rosa* zur “Beschelunigung und Entfremdung”* sollen an dieser Stelle Erwähnung finden. Zu beiden findet man auch gute Vorträge auf YouTube oder einzelne Podcasts.

Am Ende

Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass ich natürlich weiß, warum das Wort „Businesskasper“ vielen so aufstößt. Aber ich hoffe, dass ich zeigen konnte, dass die allgemeine Meinung nicht unbedingt immer der Wahrheit entspricht. Und dass es viel mehr hinter manchen Aussagen von mir steckt, als ich in einem kurzen Satz im Video oder einem Podcast aussagen kann.

Wenn du zu den oben genannten Statistiken Anmerkungen hast, (Denk-)Fehler findest oder weitere Quellen nennen kannst, dann freie ich mich sehr auf einen Kommentar von dir!

 

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